Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts wurde die HAMELN grundlegend umgebaut. Als Hohlstablenkboot der Ensdorf-Klasse, Klasse 352, führte sie anschließend unbemannte Räumboote des Typs SEEHUND. Damit umfasste ihre rund 25-jährige Dienstzeit zwei deutlich unterschiedliche Einsatzphasen innerhalb der deutschen Minenstreitkräfte.
Bau und Indienststellung
Die HAMELN wurde bei der Lürssen-Werft in Bremen-Vegesack unter der Baunummer 13541 gebaut. Der Baubeginn erfolgte 1986, der Stapellauf am 15. März 1988. Am 29. Juni 1989 wurde das Boot mit der Kennung M 1092 und dem Rufzeichen DRFO bei der Bundesmarine in Dienst gestellt und dem neu aufgestellten 5. Minensuchgeschwader zugeteilt.
Namensgeberin und Patenstadt war die niedersächsische Stadt Hameln. Die Kennung M 1092 war zuvor von dem Schnellen Minensuchboot PLUTO der Schütze-Klasse geführt worden, das 1987 außer Dienst gestellt worden war. Die neue HAMELN trat damit innerhalb der Minenstreitkräfte auch materiell die Nachfolge dieses älteren Bootes an.
Typschiff der Hameln-Klasse
Mit der HAMELN wurde 1989 das erste von insgesamt zehn Schnellen Minensuchbooten der Klasse 343 in Dienst gestellt. Die Boote basierten auf einem neu entwickelten Einheitsrumpf aus nicht magnetisierbarem Stahl, der später auch als Grundlage für die Minenjagdboote der Frankenthal- und Kulmbach-Klasse sowie die Hohlstablenkboote der Ensdorf-Klasse diente.
Die Klasse war ursprünglich als Minenkampfboot bezeichnet worden. Später setzte sich die Typbezeichnung Schnelles Minensuchboot durch. Ihre wichtigste Aufgabe war jedoch nicht allein das klassische Minensuchen, sondern vor allem das schnelle Verlegen von Seeminen unter Bedrohung.
Dienst als Schnelles Minensuchboot der Klasse 343
Die HAMELN konnte auf vier Minengleisen bis zu 60 Seeminen unterschiedlicher Typen mitführen und ausbringen. Damit besaßen die Boote der Klasse 343 etwa die doppelte Minenzuladung der älteren Schnellen Minensuchboote der Klassen 340 und 341.
Neben der Minenlegefähigkeit verfügte die HAMELN über mechanisches Räumgerät, akustische Räumbojen und die Möglichkeit, magnetische Hohlstäbe zu schleppen. Ein Minenmeidesonar unterstützte die sichere Fahrt in minengefährdeten Gewässern. Die vergleichsweise starke Bewaffnung und moderne Führungsmittel ermöglichten den Booten auch Einsätze in einem militärisch bedrohten Umfeld.
Die Klasse 343 bewährte sich bereits kurz nach ihrer Einführung während der Anfangsphase der Operation Südflanke 1990/91 im Mittelmeer. Dabei wurden die neuen Minenkampfboote in einer Lage eingesetzt, die unmittelbar aus dem Zweiten Golfkrieg und der Bedrohung durch irakische Seeminen hervorgegangen war. Die verfügbaren Quellen belegen diesen Einsatz für die Klasse, lassen jedoch keine zweifelsfreie Zuordnung sämtlicher Einzelaufgaben zur HAMELN zu. Deshalb wird für das Boot selbst auf weitergehende Detailangaben verzichtet.
Für das Jahr 1998 ist für die HAMELN eine Minensuche vor den Küsten der baltischen Staaten dokumentiert. Der Einsatz gehörte zur zunehmenden Zusammenarbeit Deutschlands mit den nach dem Zerfall der Sowjetunion unabhängig gewordenen Ostseeanrainern.
Umbau zum Hohlstablenkboot
Nach dem Ende des Kalten Krieges verlor das großflächige offensive Minenlegen für die Deutsche Marine an Bedeutung. Die zehn Boote der Hameln-Klasse wurden deshalb auf zwei neue Aufgabenprofile verteilt: Fünf Einheiten wurden zu Minenjagdbooten der Kulmbach-Klasse, die übrigen fünf zu Hohlstablenkbooten der Ensdorf-Klasse umgebaut.
Der Umbau der HAMELN zum Hohlstablenkboot erfolgte nach den Angaben des Historischen Marinearchivs vom 10. Dezember 2000 bis zum 24. Januar 2001. Eine formelle Außerdienststellung für diese Arbeiten fand nicht statt. Nach Abschluss des Umbaus wurde das Boot als Einheit der Klasse 352 weitergeführt.
Die HAMELN war damit zwar das Typschiff und Namensgeberin der ursprünglichen Klasse 343, die Bezeichnung der neuen Hohlstablenkbootklasse richtete sich jedoch nach der M 1094 ENSDORF.
Dienst als Hohlstablenkboot der Ensdorf-Klasse
Als Hohlstablenkboot führte die HAMELN unbemannte Minenräumboote des Typs SEEHUND. Üblicherweise konnten drei bis vier dieser Räumboote von einem Führungsschiff aus kontrolliert werden.
Die SEEHUNDE besaßen eine in den Rumpf integrierte Magnetspule. Mit ihr wurde eine starke magnetische Signatur erzeugt, die Magnetminen aus sicherer Entfernung zum bemannten Führungsschiff auslösen sollte. Ergänzend konnten Geräuscherzeuger beziehungsweise Geräuschbojen gegen akustisch ansprechende Minen eingesetzt werden.
Die HAMELN verfügte außerdem über Minenabwehrdrohnen. Ab 2005 gehörten das Führungs- und Informationssystem TAKIS sowie Einwegdrohnen des Typs SEEFUCHS zur Ausrüstung. Der SEEFUCHS konnte zur Identifizierung und Bekämpfung einzelner Minen eingesetzt werden. Dadurch verband die Ensdorf-Klasse das flächige Simulationsräumen mit Fähigkeiten der punktuellen Minenjagd.
Im Zuge der Modernisierung wurde auch die ursprüngliche 40-mm-Bewaffnung durch das ferngesteuerte 27-mm-Marineleichtgeschütz MLG 27 ersetzt.
Besatzungswechsel bei Auslandseinsätzen
Die Besatzung der HAMELN wurde auch unabhängig vom eigenen Boot eingesetzt. Für die deutschen Marineverbände war es üblich, bei länger dauernden Auslandseinsätzen ganze Besatzungen auszutauschen, während das jeweilige Boot im Einsatzgebiet verblieb.
So übernahm die Besatzung der HAMELN zeitweise die im Rahmen von UNIFIL vor der libanesischen Küste eingesetzte M 1093 AUERBACH/OPF. Diese Form des Besatzungswechsels verringerte lange Überführungsfahrten und ermöglichte eine kontinuierliche Präsenz der Marine im Einsatzgebiet.
Die HAMELN selbst blieb während ihrer gesamten Dienstzeit dem 5. Minensuchgeschwader zugeordnet. Sie wurde bereits 2014 außer Dienst gestellt und erlebte daher die Auflösung des Geschwaders und die anschließende Zusammenführung der verbliebenen Minenabwehrboote im 3. Minensuchgeschwader nicht mehr im aktiven Dienst.
Außerdienststellung
Am 11. Dezember 2014 wurde die M 1092 HAMELN außer Dienst gestellt. Damit endete ihre mehr als 25-jährige Dienstzeit in der Bundesmarine und Deutschen Marine.
Die HAMELN gehörte gemeinsam mit der ENSDORF zu den ersten Hohlstablenkbooten der Klasse 352, die aus dem aktiven Bestand ausschieden. Nach ihrer Außerdienststellung wurde sie aufgelegt. Eine Aufnahme aus dem Jahr 2018 dokumentiert das ehemalige Boot noch im Bereich des Marinearsenals.
Verbleib
Im Juli 2024 wurde die ehemalige HAMELN zur Verschrottung nach Warnemünde in den Bereich des Marinearsenals Warnowwerft überführt. Damit ist ihr weiterer Verbleib nach der Außerdienststellung zuverlässig dokumentiert.
Technische Daten
-
Kennung: M 1092
-
Name: HAMELN
-
Rufzeichen: DRFO
-
Ursprüngliche Klasse: Klasse 343 – Hameln-Klasse
-
Spätere Klasse: Klasse 352 – Ensdorf-Klasse
-
Typ: Schnelles Minensuchboot, später Hohlstablenkboot
-
Bauwerft: Lürssen-Werft, Bremen-Vegesack
-
Baunummer: 13541
-
Baubeginn: 1986
-
Stapellauf: 15. März 1988
-
Indienststellung: 29. Juni 1989
-
Umbau zum Hohlstablenkboot: 10. Dezember 2000 bis 24. Januar 2001
-
Außerdienststellung: 11. Dezember 2014
-
Länge: 54,40 Meter
-
Breite: 9,20 Meter
-
Tiefgang: etwa 2,60 Meter
-
Maximale Verdrängung: nach Angaben des Historischen Marinearchivs 590 Tonnen; andere Darstellungen nennen für den späteren Ausrüstungszustand etwa 635 Tonnen
-
Antrieb: zwei MTU-Dieselmotoren mit Verstellpropellern
-
Geschwindigkeit: etwa 18 Knoten
-
Besatzung: ungefähr 40 Soldaten
-
Minenkapazität als Klasse 343: bis zu 60 Seeminen
-
Spätere Minenabwehrausrüstung: SEEHUND-Räumboote, TAKIS und SEEFUCHS
Bedeutung
Die M 1092 HAMELN nahm innerhalb der deutschen Minenstreitkräfte eine besondere Stellung ein. Als erstes in Dienst gestelltes Boot und Namensgeberin der Klasse 343 leitete sie Ende der 1980er-Jahre den Übergang von den hölzernen Schnellen Minensuchbooten der Nachkriegszeit zu einer neuen Generation aus amagnetischem Stahl ein.
Ihre spätere Umrüstung zum Hohlstablenkboot verdeutlicht zugleich den Wandel der deutschen Marine nach dem Ende des Kalten Krieges. Aus einem vor allem für das schnelle Verlegen großer Minensperren entwickelten Minenkampfboot wurde ein Führungsschiff für unbemannte Minenräumsysteme.
Die HAMELN verband damit in ihrer Dienstzeit zwei unterschiedliche Epochen und Einsatzkonzepte der deutschen Seeminenkriegführung: das offensive Minenlegen unter Bedrohung und die moderne Minenabwehr mit ferngelenkten Fahrzeugen.