Gemeinsam mit der weitgehend baugleichen ALSTER gehörte sie innerhalb der Klasse 422 zu den beiden ehemaligen Fischereifahrzeugen. Die ebenfalls zu dieser Klasse gerechnete OSTE hatte dagegen eine völlig andere Herkunft als ehemaliger Bergungsschlepper.
Die Klasse 422 war daher keine einheitlich konstruierte Schiffsklasse, sondern eine Gruppe unterschiedlich entstandener Fahrzeuge mit demselben späteren Auftrag.
Bau als Fischtrawler HOHEWEG
Die spätere OKER wurde 1960 auf Kiel gelegt und 1961 als Fischtrawler HOHEWEG fertiggestellt.
Als Seitenfänger war sie für den Hochseefischfang vorgesehen. Die Netze wurden seitlich ausgebracht und wieder eingeholt. Der robuste Rumpf, die vergleichsweise großen Arbeitsbereiche und die für längere Seereisen ausgelegte Konstruktion machten das Schiff später für einen Umbau zum Spezialfahrzeug geeignet.
Das ursprüngliche zivile Erscheinungsbild veränderte sich durch den späteren Umbau erheblich. Zusätzliche Aufbauten, Antennen, Empfangsanlagen und Arbeitsräume prägten anschließend das Aussehen des Flottendienstbootes.
Übernahme durch die Bundesmarine
Im Jahr 1972 wurde die ehemalige HOHEWEG von der Bundesmarine übernommen und zum Flottendienstboot umgebaut.
Nach dem Umbau erhielt das Schiff den Namen OKER und die Kennung A 53. Die neue Bezeichnung folgte der bei den Flottendienstbooten verwendeten Tradition, die Einheiten nach deutschen Flüssen zu benennen.
Namensgeber war die Oker, ein Fluss in Niedersachsen, der unter anderem durch den Harzraum und Braunschweig fließt.
Umbau zum Flottendienstboot
Beim Umbau entstanden an Bord zusätzliche technische Einrichtungen für die maritime Aufklärung.
Dazu gehörten Bereiche für:
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Funk- und Fernmeldeaufklärung,
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Erfassung elektronischer Aussendungen,
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optische Beobachtung,
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Aufzeichnung technischer Signale,
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Auswertung der gewonnenen Informationen,
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Unterbringung zusätzlichen Fachpersonals.
Die genauen Geräte und Fähigkeiten unterlagen der Geheimhaltung. Viele technische Einzelheiten der eingebauten Empfangs-, Mess- und Auswerteanlagen wurden daher nicht öffentlich bekannt.
Der Umbau machte aus einem zivilen Fischereifahrzeug ein hoch spezialisiertes Aufklärungsschiff.
Aufgaben während des Kalten Krieges
Die OKER wurde vor allem zur Beobachtung der Seestreitkräfte des Warschauer Paktes eingesetzt. Ihr wichtigstes Einsatzgebiet war die Ostsee.
Dort beobachtete sie insbesondere:
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Schiffsbewegungen und Verbandsfahrten,
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Flottenübungen und Manöver,
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Funk- und Fernmeldeverkehr,
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Radaraussendungen,
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technische Signale fremder Schiffe,
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Bewaffnung und Ausrüstung,
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taktische Verfahren und Einsatzabläufe.
Besonderes Interesse galt der sowjetischen Baltischen Flotte, der Volksmarine der DDR und der polnischen Marine.
Die gewonnenen Informationen trugen dazu bei, Schiffe, Sensoren und Einsatzverfahren zu erkennen und ein möglichst vollständiges maritimes Lagebild zu erstellen. Die Klasse 422 war während des Kalten Krieges ausdrücklich für die optische und elektronische Aufklärung der Seestreitkräfte des Warschauer Paktes im Ostseeraum vorgesehen.
Elektronische und fernmeldetechnische Aufklärung
Radargeräte, Funkanlagen und andere elektronische Systeme erzeugen charakteristische Aussendungen. Durch deren Erfassung und Vergleich konnten bestimmte Gerätetypen, Schiffsklassen oder einzelne Einheiten erkannt werden.
Auch Veränderungen im Funkverkehr oder ungewöhnliche Schiffsbewegungen konnten Hinweise auf bevorstehende Übungen, Verlegungen oder besondere militärische Aktivitäten liefern.
Die Aufgabe der OKER bestand deshalb nicht nur darin, fremde Schiffe optisch zu beobachten. Ein wesentlicher Teil ihrer Arbeit spielte sich im Bereich der elektronischen und fernmeldetechnischen Informationsgewinnung ab.
Einsätze in internationalen Gewässern
Die OKER operierte überwiegend in internationalen Gewässern. Dort konnte sie fremde Flottenverbände beobachten, ohne deren Hoheitsgewässer zu verletzen.
Solche Einsätze waren politisch und militärisch sensibel. Flottendienstboote wurden häufig selbst überwacht, beschattet oder fotografiert.
Das zivile Grunddesign des ehemaligen Fischtrawlers verlieh der OKER zwar ein weniger kriegerisches Erscheinungsbild als einem klassischen Kampfschiff, ihr Auftrag war jedoch eindeutig militärischer Natur.
Besatzung und Fachpersonal
Neben der nautischen und technischen Stammbesatzung befand sich zusätzliches Fachpersonal an Bord.
Diese Spezialisten bedienten die Empfangs-, Mess-, Aufzeichnungs- und Auswerteanlagen. Die genaue Zusammensetzung des eingeschifften Personals konnte abhängig vom jeweiligen Auftrag wechseln.
Die Arbeit an Bord erforderte technisches Fachwissen, Konzentration und besondere Verschwiegenheit. Viele Einzelheiten der Fahrten und der gewonnenen Informationen blieben auch nach Abschluss der Einsätze geheim.
Einordnung in die Klasse 422
Die OKER und die ALSTER waren aufgrund ihrer Herkunft als Seitenfänger weitgehend vergleichbar. Dennoch waren sie ursprünglich zivile Einzelschiffe und keine speziell entworfenen Flottendienstboote.
Die OSTE unterschied sich deutlich von beiden, da sie ursprünglich als Bergungsschlepper gebaut worden war.
Die gemeinsame Klassenbezeichnung 422 beruhte daher vor allem auf der späteren Verwendung als Flottendienstboote und nicht auf einer einheitlichen Konstruktion.
Ablösung durch einen Neubau
In den 1980er-Jahren waren die umgebauten älteren Fahrzeuge technisch und betrieblich zunehmend überholt.
Die Bundesmarine ließ deshalb drei speziell für die maritime Aufklärung entwickelte Neubauten der Klasse 423 bauen. Die Namen und Kennungen der Vorgängerschiffe wurden erneut vergeben.
Die neue A 53 OKER wurde am 10. November 1988 in Dienst gestellt. Sie war ein vollständiger Neubau und kein Umbau der älteren Einheit.
Außerdienststellung und Übergabe an Griechenland
Die ältere OKER wurde im Jahr 1988 außer Dienst gestellt und an Griechenland übergeben.
Die griechische Marine übernahm das Schiff am 12. Februar 1988. Dort erhielt es den Namen HERMIS beziehungsweise ERMIS und die Kennung A 373. Die unterschiedliche Schreibweise ergibt sich aus der Übertragung des griechischen Namens in das lateinische Alphabet.
Dienst als HERMIS in der griechischen Marine
Unter griechischer Flagge wurde die ehemalige OKER weiterhin als elektronisches Aufklärungsschiff eingesetzt.
Sie unterstand dem griechischen Zerstörerkommando und setzte damit ihre bereits bei der Bundesmarine ausgeübte Spezialaufgabe fort. Der Einsatzschwerpunkt verlagerte sich nun in die Ägäis und in den östlichen Mittelmeerraum.
Die HERMIS blieb bis 2002 im Dienst der griechischen Marine. Anschließend wurde sie außer Dienst gestellt und zum Abbruch verkauft.
Technische und historische Grunddaten
Ursprünglicher Name: HOHEWEG
Späterer Name: OKER
Kennung: A 53
Klasse: 422
Ursprünglicher Typ: Fischtrawler beziehungsweise Seitenfänger
Kiellegung: 1960
Fertigstellung: 1961
Übernahme und Umbau durch die Bundesmarine: 1972
Spätere Verwendung: Flottendienstboot und Aufklärungsschiff
Hauptaufgabe: optische, fernmeldetechnische und elektronische Aufklärung
Haupteinsatzgebiet: Ostsee
Außerdienststellung bei der Bundesmarine: 1988
Übergabe an Griechenland: 12. Februar 1988
Griechischer Name: HERMIS beziehungsweise ERMIS
Griechische Kennung: A 373
Außerdienststellung in Griechenland: 2002
Verbleib: zum Abbruch verkauft
Verdrängung: etwa 1.497 Tonnen
Länge: etwa 72,5 Meter
Breite: etwa 10,5 Meter
Tiefgang: etwa 4,9 Meter
Antrieb: dieselelektrisch, eine Welle
Leistung: etwa 1.800 PS
Geschwindigkeit: etwa 15 Knoten
Besatzung: etwa 90 Personen
Historische Bedeutung
Die A 53 OKER war ein charakteristisches Beispiel für die erste Generation deutscher Flottendienstboote.
Aus einem zivilen Hochseefischereifahrzeug entstand ein Spezialschiff, das während des Kalten Krieges einen wichtigen Beitrag zur maritimen Aufklärung leistete. Ihre Besatzung und das eingeschiffte Fachpersonal arbeiteten dabei meist fernab der öffentlichen Aufmerksamkeit.
Nach dem Ende ihres Dienstes bei der Bundesmarine wurde das Schiff nicht sofort verschrottet, sondern in Griechenland noch weitere 14 Jahre für vergleichbare Aufgaben eingesetzt.
Die lange Gesamtdienstzeit von der HOHEWEG über die deutsche OKER bis zur griechischen HERMIS zeigt, wie vielseitig und dauerhaft die robuste Grundkonstruktion des ehemaligen Fischtrawlers genutzt werden konnte.