Gemeinsam mit der weitgehend baugleichen OKER, der ehemaligen HOHEWEG, bildete sie innerhalb der Klasse 422 eine eigene Gruppe. Die ebenfalls zur Klasse gerechnete OSTE hatte dagegen eine völlig andere Herkunft als ehemaliger Bergungs- und Tenderschlepper.
Die drei Fahrzeuge gehörten daher nicht aufgrund eines gemeinsamen Entwurfs zur Klasse 422, sondern aufgrund ihrer späteren gemeinsamen Aufgabe als Flottendienstboote.
Bau als Seitenfänger MELLUM
Die spätere ALSTER wurde als MELLUM für die Hochseefischerei gebaut. Als Seitenfänger gehörte sie zu jener Generation von Fischereifahrzeugen, bei denen die Netze über die Schiffsseite ausgebracht und wieder eingeholt wurden.
Ihr ursprüngliches Erscheinungsbild unterschied sich deutlich von dem späteren Flottendienstboot. Erst durch umfangreiche Umbauten erhielt das Schiff zusätzliche Aufbauten, Antennen, Funk- und Messeinrichtungen sowie Arbeitsräume für das Aufklärungs- und Auswertepersonal.
In der Bundesmarine wurde das Schiff zunächst unter dem Namen MELLUM und der Kennung Y 813 geführt.
Frühe Verwendung in der Bundesmarine
Vor dem Umbau zum Flottendienstboot wurde die MELLUM als Hilfs- und Versuchsschiff eingesetzt. Sie war daher nicht während ihrer gesamten Dienstzeit ein Aufklärungsschiff.
Die vorhandene zivile Grundkonstruktion bot ausreichend Raum für technische Einbauten und zusätzliches Personal. Zugleich eignete sich der robuste Rumpf für längere Fahrten in Nord- und Ostsee.
Erst nach dem späteren Umbau erhielt das Schiff den Namen ALSTER und die für Flottendienstboote verwendete Kennung A 50.
Umbau zur A 50 ALSTER
Beim Umbau zum Flottendienstboot wurde die ehemalige MELLUM grundlegend verändert. An Bord entstanden zusätzliche Räume und technische Einrichtungen für die Aufnahme, Aufzeichnung und Auswertung von Informationen.
Zu den Aufgabenbereichen gehörten insbesondere:
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Funk- und Fernmeldeaufklärung,
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elektronische Erfassung,
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optische Beobachtung,
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Aufzeichnung technischer Signale,
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Auswertung der gewonnenen Informationen,
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Unterbringung zusätzlichen Fachpersonals.
Die genaue Ausrüstung unterlag der militärischen Geheimhaltung. Viele Einzelheiten der eingebauten Empfangs-, Mess- und Auswertesysteme wurden daher nicht öffentlich dokumentiert.
Namensgebung
Die ALSTER wurde nach dem norddeutschen Fluss benannt, der eng mit der Stadt Hamburg verbunden ist und in die Elbe mündet.
Die Benennung nach Flüssen wurde später auch bei den weiteren Flottendienstbooten fortgeführt. Name und Kennung der älteren ALSTER wurden nach ihrer Außerdienststellung von einem Neubau der Klasse 423 übernommen.
Aufgaben im Kalten Krieg
Die ALSTER wurde vor allem zur Beobachtung und Aufklärung der Seestreitkräfte des Warschauer Paktes eingesetzt. Ihr wichtigstes Einsatzgebiet war die Ostsee.
Dort beobachtete sie unter anderem:
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Schiffsbewegungen und Verbandsfahrten,
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Flottenübungen und Manöver,
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Funk- und Fernmeldeverkehr,
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Radar- und andere elektronische Aussendungen,
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Bewaffnung und technische Ausrüstung fremder Schiffe,
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taktische Verfahren und Einsatzabläufe.
Besonderes Interesse galt der sowjetischen Baltischen Flotte, der Volksmarine der DDR und der polnischen Marine.
Die gewonnenen Informationen halfen dabei, gegnerische Schiffe, Sensoren und Einsatzverfahren zu erkennen und ein möglichst vollständiges maritimes Lagebild zu erstellen.
Elektronische Aufklärung
Radargeräte, Funkanlagen und andere elektronische Systeme senden charakteristische Signale aus. Durch die Erfassung und Auswertung dieser Aussendungen konnten bestimmte Gerätetypen, Schiffsklassen oder einzelne Einheiten erkannt und bei späteren Begegnungen erneut zugeordnet werden.
Auch Veränderungen im Funkverkehr oder ungewöhnliche Schiffsbewegungen konnten Hinweise auf bevorstehende Übungen, Verlegungen oder besondere militärische Aktivitäten geben.
Die Arbeit der ALSTER bestand daher nicht nur in der Beobachtung sichtbarer Schiffsbewegungen. Ein wesentlicher Teil ihres Auftrags spielte sich im Bereich der elektronischen und fernmeldetechnischen Aufklärung ab.
Einsätze in internationalen Gewässern
Die ALSTER operierte überwiegend in internationalen Gewässern. Dort konnte sie fremde Schiffsverbände beobachten, ohne deren Hoheitsgewässer zu verletzen.
Solche Einsätze waren politisch und militärisch sensibel. Die Flottendienstboote wurden von den beobachteten Streitkräften häufig selbst überwacht, beschattet oder fotografiert.
Die Herkunft als Fischereifahrzeug verlieh der ALSTER ein weniger kriegerisches Erscheinungsbild als einem klassischen Kampfschiff. Dennoch war sie eindeutig ein Fahrzeug der Bundesmarine und führte einen militärischen Aufklärungsauftrag aus.
Besatzung und Fachpersonal
Neben der nautischen und technischen Stammbesatzung befand sich zusätzliches Fachpersonal an Bord.
Diese Spezialisten bedienten die Funk-, Empfangs-, Mess-, Aufzeichnungs- und Auswerteanlagen. Die genaue Zusammensetzung des eingeschifften Personals konnte abhängig vom jeweiligen Einsatzauftrag wechseln.
Die Arbeit erforderte technisches Fachwissen, Aufmerksamkeit und besondere Verschwiegenheit. Viele Einzelheiten der Fahrten und der dabei gewonnenen Erkenntnisse blieben auch nach Abschluss der Einsätze geheim.
Einordnung in die Klasse 422
ALSTER und OKER waren aufgrund ihrer gemeinsamen Herkunft als Seitenfänger weitgehend vergleichbar. Die OSTE unterschied sich dagegen deutlich von beiden Schiffen, da sie ursprünglich als Bergungsschlepper gebaut worden war.
Die Klasse 422 war deshalb weniger eine klassische Schiffsklasse als vielmehr eine gemeinsame Funktionsgruppe. Sie vereinte drei unterschiedlich entstandene Schiffe, die für dieselbe Aufgabe eingesetzt wurden.
Die ALSTER war innerhalb dieser Gruppe eines der beiden umgebauten ehemaligen Fischereifahrzeuge.
Ablösung durch die Klasse 423
In den 1980er-Jahren waren die umgebauten älteren Fahrzeuge technisch und betrieblich zunehmend an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gelangt.
Die Bundesmarine beschaffte deshalb drei speziell für die maritime Aufklärung entworfene Neubauten der Klasse 423. Die Namen und Kennungen der älteren Schiffe wurden erneut vergeben.
Die neue A 50 ALSTER war kein Umbau ihres Vorgängers, sondern ein vollständig neu gebautes Flottendienstboot.
Außerdienststellung und Verkauf
Die ältere ALSTER schied Ende der 1980er-Jahre aus dem Dienst der Bundesmarine aus und wurde anschließend an die Türkei verkauft.
Dort erhielt sie den Namen YUNUS und die Kennung A 590.
Dienst in der türkischen Marine
Als YUNUS wurde die ehemalige ALSTER von der türkischen Marine weiterhin für Aufklärungs- und Überwachungsaufgaben verwendet.
Als Einsatzgebiete werden insbesondere die Ägäis und das Schwarze Meer genannt. Damit setzte das Schiff auch nach dem Ende seiner deutschen Dienstzeit seine ursprüngliche Spezialaufgabe fort.
Der genaue Zeitpunkt der endgültigen Außerdienststellung und der weitere Verbleib des Schiffes sind nicht zuverlässig dokumentiert.
Technische und historische Grunddaten
Ursprünglicher Name: MELLUM
Späterer Name: ALSTER
Frühere Kennung: Y 813
Kennung als Flottendienstboot: A 50
Klasse: 422
Ursprünglicher Typ: Seitenfänger
Spätere Verwendung: Flottendienstboot und Aufklärungsschiff
Hauptaufgabe: optische, fernmelde- und elektronische Aufklärung
Haupteinsatzgebiet: Ostsee
Späterer Name: YUNUS
Türkische Kennung: A 590
Endgültiger Verbleib: nicht zuverlässig belegt
Historische Bedeutung
Die A 50 ALSTER war eines der wichtigen deutschen Aufklärungsschiffe des Kalten Krieges.
Ihr Lebenslauf zeigt, wie die Bundesmarine vorhandene zivile Fahrzeuge für besondere militärische Aufgaben nutzte. Aus einem Seitenfänger entstand ein technisch spezialisiertes Flottendienstboot, dessen Arbeit über viele Jahre weitgehend im Verborgenen blieb.
Die ALSTER trug dazu bei, die Aktivitäten der Seestreitkräfte des Warschauer Paktes zu beobachten und das maritime Lagebild der Bundesrepublik Deutschland und der NATO zu ergänzen.
Mit der späteren Weiterverwendung ihres Namens und ihrer Kennung durch einen Neubau der Klasse 423 wurde ihre Tradition innerhalb der deutschen Marine fortgeführt.