Kategorie: P6144 S44 MARDER

P 6144 – S 44 MARDER – Flugkörperschnellboot der Tiger-Klasse

Das Flugkörperschnellboot P 6144, später S 44 MARDER, gehörte zur Tiger-Klasse, Klasse 148. Mehr als zwei Jahrzehnte lang versah es seinen Dienst im 3. Schnellbootgeschwader in Flensburg-Mürwik.

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Mit vier Seezielflugkörpern vom Typ Exocet, einem 76-mm-Geschütz, einem 40-mm-Geschütz und einer Höchstgeschwindigkeit von annähernd 40 Knoten vereinte die MARDER eine erhebliche Kampfkraft auf einem nur 47 Meter langen Boot.

Die Tiger-Klasse bildete den Übergang von den klassischen Torpedoschnellbooten zu modernen Flugkörperschnellbooten. Ihr Auftrag lag vor allem in der schnellen und überraschenden Bekämpfung gegnerischer Überwassereinheiten in den engen und küstennahen Gewässern von Nord- und Ostsee.

Bau und Indienststellung

Die MARDER wurde bei den Constructions Mécaniques de Normandie im französischen Cherbourg gebaut. Die Boote der Klasse 148 beruhten auf der französischen La-Combattante-II-Konstruktion, die wiederum wesentliche Merkmale deutscher Schnellbootentwürfe aufgriff.

Der Bau begann im Jahr 1972. Nach Stapellauf und Erprobung wurde das Boot am 14. Juni 1973 für die Bundesmarine in Dienst gestellt. Es führte die NATO-Kennung P 6144 und später die deutsche Bootsnummer S 44. Das internationale Rufzeichen lautete zunächst DSKD, nach der Neuordnung der Rufzeichen DRBD.

Zunächst nur eine Nummer

Bei ihrer Indienststellung führten die Boote der Klasse 148 zunächst keine offiziellen Tiernamen. Sie wurden im täglichen Dienst vor allem anhand ihrer Bootsnummern bezeichnet.

Die Besatzungen hielten jedoch an den Namen der zuvor in ihren Geschwadern gefahrenen Jaguar- und Seeadler-Boote fest. Im Jahr 1982 wurden diese Namen schließlich offiziell für die Tiger-Klasse übernommen.

Aus S 44 wurde damit offiziell die MARDER. Der Name setzte die Tradition des früheren Schnellbootes MARDER der Jaguar-Klasse fort, das von 1959 bis 1972 in der Bundesmarine gedient hatte.

3. Schnellbootgeschwader in Flensburg

Die MARDER gehörte während ihrer gesamten deutschen Dienstzeit zum 3. Schnellbootgeschwader. Der Verband war im Marinestützpunkt Flensburg-Mürwik beheimatet.

Zum Geschwader gehörten zunächst zehn Flugkörperschnellboote der Klasse 148:

S 41 TIGER
S 42 ILTIS
S 43 LUCHS
S 44 MARDER
S 45 LEOPARD
S 46 FUCHS
S 47 JAGUAR
S 48 LÖWE
S 49 WOLF
S 50 PANTHER

Unterstützt wurden die Boote durch den Tender RHEIN. Das Geschwader bildete einen wesentlichen Bestandteil der Schnellbootflottille und war für Einsätze in der westlichen Ostsee, den dänischen Meerengen und den angrenzenden Seegebieten vorgesehen.

Auftrag des Flugkörperschnellbootes

Die MARDER war für schnelle Angriffe gegen gegnerische Überwasserschiffe konzipiert. Aufgrund ihrer geringen Größe und hohen Geschwindigkeit konnte sie sich entlang der Küsten, zwischen Inseln und in den engen Gewässern der Ostsee bewegen.

Im Einsatz sollten mehrere Schnellboote gemeinsam operieren. Sie konnten sich einem gegnerischen Verband annähern, ihre Flugkörper möglichst überraschend abfeuern und sich anschließend mit hoher Geschwindigkeit aus dem Gefahrenbereich lösen.

Die typische Vorgehensweise beruhte auf:

  • hoher Geschwindigkeit,

  • geringer Silhouette,

  • engem Zusammenwirken mehrerer Boote,

  • Nutzung der Küsten- und Insellandschaft,

  • elektronischer Aufklärung,

  • sowie einem möglichst konzentrierten Flugkörpereinsatz.

Die Tiger-Boote waren damit nicht für lange Einzelunternehmungen auf hoher See gedacht. Ihre Stärke lag im geschlossenen Einsatz innerhalb eines Schnellbootverbandes.

Seezielflugkörper Exocet

Die Hauptbewaffnung der MARDER bestand aus vier Seezielflugkörpern des Typs MM 38 Exocet.

Die Flugkörper waren in vier einzelnen Startbehältern hinter den Aufbauten untergebracht. Nach dem Abschuss flogen sie in geringer Höhe über der Wasseroberfläche auf das zugewiesene Ziel zu.

Die Exocet verlieh dem kleinen Boot die Fähigkeit, deutlich größere Kriegsschiffe außerhalb der Reichweite der eigenen Rohrwaffen anzugreifen. Ein Verband aus mehreren Tiger-Booten konnte innerhalb kurzer Zeit eine erhebliche Zahl von Flugkörpern abfeuern.

Die Zielinformationen konnten durch die eigenen Sensoren, andere Boote oder übergeordnete Führungsstellen bereitgestellt werden.

Rohrwaffen

Auf dem Vorschiff befand sich ein vollautomatisches 76-mm-Geschütz von OTO Melara.

Es konnte gegen Seeziele, Luftziele und kleinere Küstenziele eingesetzt werden. Das Geschütz verfügte für ein Schnellboot über eine erhebliche Feuerkraft und ergänzte die weitreichenden Seezielflugkörper.

Auf dem Achterdeck stand ein 40-mm-Bofors-Geschütz. Es diente vor allem der Bekämpfung kleiner Seeziele und der Flugabwehr im Nahbereich.

Damit konnte die MARDER auch nach dem Verbrauch ihrer Flugkörper beziehungsweise bei Einsätzen unterhalb der Schwelle eines Flugkörpereinsatzes wirksam kämpfen.

Führungs- und Radaranlagen

Für die Seeraumüberwachung und den Waffeneinsatz verfügte die Tiger-Klasse über mehrere Radar- und Führungssysteme.

Zur Ausstattung gehörten unter anderem:

  • ein Seeraumüberwachungsradar,

  • ein Feuerleitradar,

  • ein Navigationsradar,

  • das Führungs- und Waffenleitsystem PALIS,

  • sowie Einrichtungen für den Datenaustausch innerhalb eines Verbandes.

Die Informationen aus den Sensoren wurden in der Operationszentrale ausgewertet. Dort wurden Ziele erfasst, verfolgt und für den Einsatz der Flugkörper oder Rohrwaffen zugewiesen.

Die Boote wurden während ihrer Dienstzeit mehrfach modernisiert. Dabei wurden elektronische Anlagen, Führungsmittel und Einrichtungen zur Abwehr gegnerischer Ortung an die technische Entwicklung angepasst.

Technische Daten

Kennung: P 6144
Bootsnummer: S 44
Name: MARDER
Klasse: 148
Klassenbezeichnung: Tiger-Klasse
Typ: Flugkörperschnellboot
Bauwerft: Constructions Mécaniques de Normandie, Cherbourg
Indienststellung: 14. Juni 1973
Außerdienststellung: 25. Mai 1994
Heimathafen: Flensburg-Mürwik
Verband: 3. Schnellbootgeschwader
Rufzeichen: zunächst DSKD, später DRBD
Länge: 47 Meter
Breite: 7 Meter
Tiefgang: etwa 2,7 Meter
Verdrängung: rund 265 bis 267 Tonnen
Besatzung: rund 30 Soldaten
Höchstgeschwindigkeit: etwa 38 bis 40 Knoten.

Antrieb

Die MARDER wurde von vier schnelllaufenden MTU-Dieselmotoren angetrieben.

Jeder Motor leistete ungefähr 3.600 PS und wirkte auf eine eigene Welle mit Propeller. Die Gesamtleistung betrug damit rund 14.400 PS.

Diese Antriebsanlage ermöglichte dem Boot Geschwindigkeiten von annähernd 40 Knoten. Die vier getrennten Antriebsstränge verbesserten zugleich die Ausfallsicherheit und die Manövrierfähigkeit.

Der Maschinenbereich stellte hohe Anforderungen an die Besatzung. Vier leistungsstarke Motoren auf engem Raum bedeuteten erhebliche Wärme, Lärm und einen hohen Wartungsaufwand. Die Einsatzbereitschaft des Bootes hing entscheidend von der Arbeit der technischen Besatzung ab.

Bewaffnung

Die Hauptbewaffnung der MARDER bestand aus:

  • vier Seezielflugkörpern MM 38 Exocet,

  • einem 76-mm-Geschütz OTO Melara auf dem Vorschiff,

  • einem 40-mm-Bofors-Geschütz auf dem Achterdeck,

  • sowie der Möglichkeit, bis zu acht Seeminen mitzuführen.

Die Kombination aus Flugkörpern, Rohrwaffen und hoher Geschwindigkeit machte die MARDER zu einem kleinen, aber ernst zu nehmenden Kampfschiff.

Das Leben auf einem Schnellboot

Die rund 30 Mann starke Besatzung lebte und arbeitete auf äußerst engem Raum.

Im Vergleich zu einer Fregatte oder einem Zerstörer gab es nur wenige Rückzugsmöglichkeiten. Brücke, Operationszentrale, Kombüse, Unterkünfte und Maschinenräume mussten auf einer Länge von lediglich 47 Metern untergebracht werden.

Die kleinen Boote reagierten bei schwerer See unmittelbar auf Wind und Wellen. Hohe Geschwindigkeit, starke Bewegungen und der Lärm der vier Hauptmotoren prägten den Bordalltag.

Gerade diese Bedingungen führten zu einer besonders engen Gemeinschaft. Jeder an Bord kannte seine Kameraden, ihre Aufgaben und ihre Verlässlichkeit. Fehler oder Ausfälle konnten auf einem Schnellboot kaum durch eine große Besatzung aufgefangen werden.

Übungen und Geschwaderfahrten

Die MARDER nahm während ihrer mehr als 20-jährigen Dienstzeit an zahlreichen nationalen und internationalen Übungen teil.

Die Ausbildung umfasste unter anderem:

  • Flugkörperangriffe im Geschwaderrahmen,

  • Artillerieschießen,

  • elektronische Kampfführung,

  • Nachtfahrten und verdeckte Annäherungen,

  • Minenlegeübungen,

  • Versorgung durch den Tender,

  • sowie das Zusammenwirken mit Flugzeugen, Hubschraubern und anderen Marineeinheiten.

Die Einsatzplanung der Schnellboote war eng an die geografischen Besonderheiten der Ostsee angepasst. Inseln, Küstenlinien und die dänischen Meerengen boten Möglichkeiten zur gedeckten Annäherung, stellten aber zugleich hohe Anforderungen an Navigation und Schiffsführung.

Patenschaft mit Aschaffenburg

Zwischen S 44 MARDER und der Stadt Aschaffenburg bestand eine über viele Jahre gepflegte Patenschaft.

Die Verbindung wurde durch gegenseitige Besuche von Besatzungsangehörigen und Vertretern der Stadt mit Leben erfüllt. Eine Veröffentlichung des Stadt- und Stiftsarchivs Aschaffenburg dokumentiert 1995 bereits eine langjährige Patenschaft mit dem Flugkörperschnellboot S 44 MARDER.

Solche Patenschaften waren für die Schnellbootbesatzungen von besonderer Bedeutung. Sie schufen eine Verbindung zwischen dem vergleichsweise kleinen Kreis der Bootsbesatzung und einer Stadt weit entfernt vom Marinestützpunkt.

Das Wappen der MARDER und Erinnerungsstücke des Bootes werden auch nach dem Ende seiner Dienstzeit von ehemaligen Schnellbootfahrern und maritimen Sammlungen bewahrt.

Außerdienststellung

Nach fast 21 Jahren im Dienst wurde S 44 MARDER am 25. Mai 1994 außer Dienst gestellt.

Sie gehörte damit zu den ersten Booten der Klasse 148, die aus dem Bestand der Deutschen Marine ausschieden. Das Ende des deutschen Dienstes bedeutete jedoch noch nicht das Ende des Bootes.

Übergabe an Griechenland

Die ehemalige MARDER wurde an die griechische Marine verkauft.

Dort erhielt sie den Namen PLOTARCHIS VLAHAVAS und die Kennung P 74. Der Name erinnerte an einen griechischen Marineoffizier. Die Indienststellung unter griechischer Flagge erfolgte 1995.

In Griechenland wurden die übernommenen Tiger-Boote der Votsis-Klasse zugerechnet. Aufgrund ihrer Geschwindigkeit und Flugkörperbewaffnung blieben sie noch viele Jahre als schnelle Flugkörperboote im Einsatz.

Die ehemalige MARDER diente damit nach ihren mehr als zwei Jahrzehnten unter deutscher Flagge noch etwa 16 weitere Jahre bei der griechischen Marine.

Außerdienststellung in Griechenland

Die P 74 PLOTARCHIS VLAHAVAS wurde am 10. Juni 2011 gemeinsam mit weiteren älteren Flugkörperschnellbooten außer Dienst gestellt.

Nach ihrer Außerdienststellung blieb das Boot nach Angaben aus dem Kreis ehemaliger Schnellbootfahrer zunächst in der Souda-Bucht auf Kreta als Materialreserve beziehungsweise Ersatzteilträger liegen. Eine spätere aktive Verwendung ist nicht dokumentiert.

Verbleib

Gesichert ist, dass die ehemalige S 44 MARDER nach ihrer deutschen Dienstzeit als P 74 PLOTARCHIS VLAHAVAS von der griechischen Marine übernommen und 2011 außer Dienst gestellt wurde.

Zum endgültigen Verbleib bestehen unterschiedliche Angaben. Einige Darstellungen nennen eine anschließende Nutzung als Materialreserve, andere gehen von einer späteren Verschrottung aus. Ein eindeutig belegtes Datum des Abbruchs liegt in den öffentlich zugänglichen Quellen nicht vor.

Für die Beschreibung sollte deshalb festgehalten werden:

Nach der Außerdienststellung 2011 zunächst in Griechenland als Material- und Ersatzteilreserve verwendet; der endgültige Verbleib ist nicht zweifelsfrei dokumentiert.

Kameraden für Kameraden

Die MARDER war ein typisches Flugkörperschnellboot ihrer Zeit: klein, schnell, schwer bewaffnet und auf das enge Zusammenwirken innerhalb des Geschwaders angewiesen.

Der Alltag an Bord wurde von wenig Platz, starkem Seegang, hoher Geschwindigkeit und der unmittelbaren Nähe zwischen allen Besatzungsmitgliedern geprägt. Jeder Kamerad hatte eine klar umrissene Aufgabe und musste sich darauf verlassen können, dass auch der Mann neben ihm seinen Dienst zuverlässig erfüllte.

Die Besatzungen hielten die vier Hauptmotoren einsatzbereit, bedienten Radar- und Waffenanlagen, fuhren anspruchsvolle Manöver und trainierten den gemeinsamen Flugkörpereinsatz unter den besonderen Bedingungen der Ostsee.

Die Produkte zur P 6144 / S 44 MARDER erinnern an ein Flugkörperschnellboot des 3. Schnellbootgeschwaders, an seine lange Laufbahn unter deutscher und griechischer Flagge und vor allem an alle Kameraden, die auf diesem Boot gefahren sind.