Kategorie: P6126 S76 FRETTCHEN

P 6126 / S 76 FRETTCHEN – Flugkörperschnellboot der Gepard-Klasse

Das Flugkörperschnellboot S 76 FRETTCHEN mit der NATO-Kennung P 6126 war das sechste von zehn Booten der Gepard-Klasse, marineintern als Klasse 143A bezeichnet. Die Boote dieser Klasse waren eigenständige Neubauten und keine umgebauten Einheiten der vorausgegangenen Albatros-Klasse.

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S 76 FRETTCHEN wurde am 16. Dezember 1983 für die Bundesmarine in Dienst gestellt. Während seiner gesamten aktiven Laufbahn gehörte das Boot zum 7. Schnellbootgeschwader.

Auftrag und Konzeption

Die Boote der Gepard-Klasse waren ursprünglich für den schnellen und überraschenden Kampf gegen gegnerische Überwasserkräfte vorgesehen. Ihr hauptsächliches Einsatzgebiet lag während des Kalten Krieges in der Ostsee und ihren Zugängen.

S 76 FRETTCHEN sollte gemeinsam mit weiteren Schnellbooten in taktischen Verbänden operieren. Hohe Geschwindigkeit, geringe Silhouette und eine für die Größe des Bootes starke Flugkörperbewaffnung ermöglichten schnelle Angriffe gegen gegnerische Einheiten.

Das automatische Gefechts- und Informationssystem AGIS unterstützte den Austausch taktischer Lageinformationen und den koordinierten Waffeneinsatz innerhalb eines Schnellbootverbandes.

Gegenüber der Klasse 143 besaßen die Boote der Klasse 143A keine Torpedorohre und kein zweites 76-mm-Geschütz auf dem Achterschiff. Stattdessen war dort die Aufnahme eines Flugkörperabwehrsystems vorgesehen. Zudem konnten die Boote Seeminen mitführen und ausbringen.

Bewaffnung und Ausrüstung

Die Hauptbewaffnung von S 76 FRETTCHEN bestand aus vier französischen Seezielflugkörpern des Typs MM 38 Exocet. Diese waren zur Bekämpfung größerer gegnerischer Überwassereinheiten vorgesehen.

Auf dem Vorschiff befand sich ein vollautomatisches 76-mm-Mehrzweckgeschütz OTO Melara Compact. Es konnte gegen See- und Luftziele sowie begrenzt gegen Ziele an Land eingesetzt werden.

Auf dem Achterschiff wurde später das Flugkörperabwehrsystem RIM-116 Rolling Airframe Missile – RAM eingebaut. Der Starter verfügte über 21 Flugkörper und diente insbesondere dem Eigenschutz gegen anfliegende Seezielflugkörper.

Ergänzt wurde die Bewaffnung durch zwei schwere Maschinengewehre sowie die Fähigkeit zum Minenlegen.

Dienst im 7. Schnellbootgeschwader

S 76 FRETTCHEN gehörte von seiner Indienststellung bis zur Außerdienststellung zum 7. Schnellbootgeschwader.

Der ursprüngliche Heimathafen des Verbandes war Kiel. Im Zuge der Neuordnung der Deutschen Marine nach der Wiedervereinigung verlegte das Geschwader 1995 in den Marinestützpunkt Warnemünde.

Die aktive Laufbahn von S 76 FRETTCHEN umfasste damit sowohl die letzten Jahre des Kalten Krieges als auch den späteren Wandel der Deutschen Marine hin zu internationalen Einsätzen.

Wandel des Einsatzprofils

Nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes verlor der ursprünglich vorgesehene Kampf gegen gegnerische Überwasserverbände in der Ostsee an Bedeutung.

Die Schnellboote wurden nun zunehmend für andere Aufgaben eingesetzt. Dazu gehörten die Seeraumüberwachung, die Kontrolle des Schiffsverkehrs, die Sicherung von Seewegen und der Einsatz in multinationalen Marineverbänden.

Für lange Auslandseinsätze waren die Boote nur eingeschränkt ausgelegt. Die kleine Besatzung, das Einwachensystem, die räumliche Enge und die begrenzte Durchhaltefähigkeit stellten hohe Anforderungen an Mannschaft und Material.

In küstennahen und stark befahrenen Seegebieten konnten die Boote jedoch weiterhin ihre hohe Geschwindigkeit, geringe Größe und gute Manövrierfähigkeit nutzen.

UNIFIL-Einsatz 2006 bis 2007

S 76 FRETTCHEN gehörte zum ersten deutschen Schnellbootkontingent, das im Rahmen der United Nations Interim Force in Lebanon – UNIFIL eingesetzt wurde.

Das Boot verließ Deutschland am 19. September 2006 und war anschließend an der Überwachung des Seegebietes vor der libanesischen Küste beteiligt. Die Aufgaben umfassten die Kontrolle von Schiffsbewegungen und die Unterstützung beim Aufbau eines maritimen Lagebildes.

S 76 FRETTCHEN kehrte am 14. September 2007 nach Deutschland zurück. Während der langen Einsatzzeit wurden die Besatzungen der Schnellboote teilweise ausgetauscht, damit die Plattformen länger im Einsatzgebiet verbleiben konnten.

Rettung eines verletzten Seglers

Am 24. September 2009 erhielt S 76 FRETTCHEN während einer Übungsfahrt in der Geltinger Bucht einen Notruf des niederländischen Traditionsseglers SWAENSBORGH.

Ein 18-jähriger Schüler hatte sich an Bord schwer am Auge verletzt. Das Schnellboot nahm den Verletzten auf, ein Marinearzt versorgte ihn an Bord, und S 76 FRETTCHEN brachte ihn mit hoher Geschwindigkeit nach Kiel.

Im Marinestützpunkt wurde der junge Mann an einen zivilen Notarzt übergeben und anschließend in die Universitätsklinik gebracht. Der Einsatz war ein konkretes Beispiel dafür, dass die militärische Ausbildung der Besatzung auch bei Hilfeleistungen in See unmittelbar zum Tragen kam.

UNIFIL-Einsatz 2013 bis 2014

Im Frühjahr 2013 wurde S 76 FRETTCHEN erneut in den UNIFIL-Einsatz entsandt. Das Boot sollte dort S 71 GEPARD und S 73 HERMELIN ablösen, die bereits seit längerer Zeit im östlichen Mittelmeer eingesetzt waren.

S 76 FRETTCHEN blieb seit April 2013 als Plattform im Einsatzgebiet. Während dieser Zeit erfolgten mehrere Besatzungswechsel.

Am 13. Juni 2014 kehrte das Boot nach Warnemünde zurück. Insgesamt hatte S 76 FRETTCHEN damit etwa 14 Monate im UNIFIL-Einsatz gestanden.

Patenschaft mit der Stadt Altena

S 76 FRETTCHEN unterhielt eine offizielle Patenschaft mit der nordrhein-westfälischen Stadt Altena.

Die Patenschaft ist sowohl in Unterlagen der Deutschen Marine als auch in der offiziellen Aufstellung der Bundesregierung über kommunale Patenschaften von Bundeswehreinheiten dokumentiert. Sie verband die Besatzung des Bootes über viele Jahre mit der Bevölkerung der Patenstadt.

Solche Patenschaften wurden durch gegenseitige Besuche, gemeinsame Veranstaltungen und persönliche Kontakte gepflegt. Für viele ehemalige Besatzungsangehörige blieben diese Verbindungen auch über die aktive Dienstzeit hinaus bestehen.

Letzte Geschwaderfahrt

Im Juli 2016 nahm S 76 FRETTCHEN gemeinsam mit S 73 HERMELIN, S 75 ZOBEL und S 80 HYÄNE an der letzten gemeinsamen Fahrt des 7. Schnellbootgeschwaders teil.

Diese Fahrt markierte den sichtbaren Abschluss einer mehr als hundertjährigen deutschen Schnellboottradition. Anschließend begannen die abschließenden Vorbereitungen für die Außerdienststellung der verbliebenen Boote und die Auflösung des Geschwaders.

Außerdienststellung

S 76 FRETTCHEN wurde am 16. November 2016 gemeinsam mit den letzten Booten der Gepard-Klasse außer Dienst gestellt.

Am selben Tag wurde das 7. Schnellbootgeschwader aufgelöst. Damit endete die aktive Geschichte der Schnellboote in der Deutschen Marine.

S 76 FRETTCHEN hatte zu diesem Zeitpunkt fast 33 Jahre im Dienst der Bundesmarine und der Deutschen Marine gestanden.

Verbleib

Nach seiner Außerdienststellung wurde S 76 FRETTCHEN im Marinearsenal Kiel aufgelegt.

Im Jahr 2023 wurde das Boot gemeinsam mit sechs weiteren ehemaligen Schnellbooten zur Verwertung ausgeschrieben. Eine zivile oder militärische Weiterverwendung war vertraglich ausgeschlossen.

Ein erster geplanter Abtransport im November 2024 scheiterte, weil starker Muschelbewuchs an den Unterwasserrümpfen eine sichere Verladung mit Hebegurten verhinderte.

Im August 2025 wurde S 76 FRETTCHEN schließlich gemeinsam mit den sechs anderen Booten auf das Schwergutschiff HAPPY SKY verladen. Das ehemalige Schnellboot befand sich dabei auf dem Achterdeck des Transportschiffes.

Die HAPPY SKY verließ Kiel am 14. August 2025 mit Kurs auf Aliağa in der Türkei. Dort waren die Boote zur technischen Verwertung und anschließenden Verschrottung bestimmt. Eine Weiterverwendung war ausdrücklich ausgeschlossen.

Technische Daten

Klasse: Gepard-Klasse, Klasse 143A
Typ: Flugkörperschnellboot
Kennung: P 6126
Name: S 76 FRETTCHEN
Werft: Lürssen-Werft, Bremen-Vegesack
Stapellauf: 26. Januar 1983
Indienststellung: 16. Dezember 1983
Außerdienststellung: 16. November 2016
Verbandszugehörigkeit: 7. Schnellbootgeschwader
Heimathäfen: Kiel, ab 1995 Warnemünde
Länge über alles: 57,60 Meter
Breite: 7,76 Meter
Tiefgang: 2,60 Meter
Einsatzverdrängung: rund 391 Tonnen
Antrieb: vier MTU-Dieselmotoren auf vier Wellen
Gesamtleistung: etwa 18.000 PS
Höchstgeschwindigkeit: etwa 42 Knoten
Reichweite: etwa 600 Seemeilen bei hoher Marschfahrt
Besatzung: etwa 34 bis 36 Soldaten
Bewaffnung: ein 76-mm-Geschütz, vier MM-38-Exocet-Seezielflugkörper, ein RAM-Starter, zwei schwere Maschinengewehre und Minenlegefähigkeit
Patenschaft: Stadt Altena
Verbleib: 2025 zur Verwertung und Verschrottung in die Türkei transportiert

Von Kameraden für Kameraden

S 76 FRETTCHEN stand fast 33 Jahre im Dienst der Bundesmarine und der Deutschen Marine. Das Boot erlebte den Kalten Krieg, die Verlegung des 7. Schnellbootgeschwaders von Kiel nach Warnemünde und den Wandel vom klassischen Ostseeschnellboot zum international eingesetzten Überwachungsfahrzeug.

Besonders die langen UNIFIL-Einsätze forderten den Besatzungen viel ab. Monate auf engem Raum, wechselnde Besatzungen und die dauerhafte Einsatzbereitschaft machten den Dienst an Bord zu einer besonderen Belastung.

Die Rettung des verletzten Seglers im September 2009 zeigte zugleich, dass seemännisches Können, Entschlossenheit und Kameradschaft nicht nur im militärischen Auftrag Bedeutung hatten.

Auf einem Schnellboot war jeder unmittelbar auf den anderen angewiesen – auf der Brücke, im Maschinenraum, an den Waffenstationen und während der wenigen Ruhezeiten unter Deck.

Unser Motiv erinnert an S 76 FRETTCHEN und an alle Kameraden, die auf diesem Boot gefahren sind. Es bewahrt die Erinnerung an gemeinsame Seefahrten, lange Wachen, internationale Einsätze und eine Epoche der Deutschen Marine, die mit der Auflösung des letzten Schnellbootgeschwaders zu Ende ging.