KORMORAN stand mehr als 28 Jahre im Dienst der Bundesmarine und der späteren Deutschen Marine. Das Boot erlebte den Kalten Krieg, die deutsche Wiedervereinigung, die Verlegung der Schnellbootverbände nach Warnemünde und schließlich den Wechsel vom 2. zum 7. Schnellbootgeschwader.
Bau, Taufe und Indienststellung
S 70 KORMORAN wurde auf der Lürssen-Werft in Bremen-Vegesack gebaut.
Am 14. April 1976 wurde das Boot auf den Namen KORMORAN getauft. Taufpatin war Frau Luther, die Taufrede hielt Vizeadmiral Luther.
Die Indienststellung erfolgte am 29. Juli 1977. Das Boot wurde dem 2. Schnellbootgeschwader unterstellt und erhielt seinen ersten Heimathafen im Marinestützpunkt Olpenitz.
KORMORAN führte die deutsche taktische Bezeichnung S 70, die internationale NATO-Kennung P 6120 sowie zunächst das Rufzeichen DSDT und später DRCD.
Dienst im 2. Schnellbootgeschwader
Von seiner Indienststellung am 29. Juli 1977 bis zum 30. September 1999 gehörte KORMORAN zum 2. Schnellbootgeschwader.
Erster Heimathafen war der Marinestützpunkt Olpenitz an der Ostsee. Von dort aus nahm das Boot an der Geschwaderausbildung, an Schießabschnitten, taktischen Verbandsfahrten sowie an nationalen und multinationalen Übungen teil.
Während des Kalten Krieges lag der Schwerpunkt der Schnellbootwaffe in der Nord- und Ostsee. Die Boote der Klasse 143 waren für den überraschenden, konzentrierten Angriff auf gegnerische Überwasserstreitkräfte ausgelegt.
KORMORAN operierte dabei nicht als Einzelkämpfer, sondern als Teil eines taktisch geführten Schnellbootverbandes. Die gemeinsame Lageauswertung und der koordinierte Einsatz der Flugkörper ermöglichten es mehreren Booten, gleichzeitig gegen einen gegnerischen Verband vorzugehen.
Verlegung nach Warnemünde
Im Zuge der Neuordnung der Schnellbootwaffe verlegte das 2. Schnellbootgeschwader in der Mitte der 1990er-Jahre von Olpenitz zum Marinestützpunkt Warnemünde/Hohe Düne.
Damit wurde Warnemünde auch der neue Heimathafen von S 70 KORMORAN. Das Boot blieb dort bis zu seiner Außerdienststellung stationiert.
Am Marinestützpunkt Warnemünde wurden schließlich das 2. und das zuvor in Kiel stationierte 7. Schnellbootgeschwader zusammengeführt.
KORMORAN selbst wurde nicht nach Kiel verlegt. Als das Boot 1999 zum 7. Schnellbootgeschwader wechselte, befanden sich beide Verbände bereits in Warnemünde.
Wechsel zum 7. Schnellbootgeschwader
Zum 1. Oktober 1999 tauschten das 2. und das 7. Schnellbootgeschwader jeweils fünf Boote miteinander.
Ziel dieser Neuordnung war es, beide Geschwader mit jeweils fünf Booten der Albatros-Klasse 143 und fünf Booten der weiterentwickelten Gepard-Klasse 143A auszustatten.
S 70 KORMORAN wechselte dabei gemeinsam mit
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S 66 GREIF
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S 67 KONDOR
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S 68 SEEADLER
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S 69 HABICHT
vom 2. Schnellbootgeschwader zum 7. Schnellbootgeschwader.
Im Gegenzug wechselten die Boote S 76 FRETTCHEN, S 77 DACHS, S 78 OZELOT, S 79 WIESEL und S 80 HYÄNE der Klasse 143A zum 2. Schnellbootgeschwader.
Der Geschwaderwechsel war für KORMORAN nicht mit einem erneuten Standortwechsel verbunden. Das Boot blieb in Warnemünde und gehörte dort bis zu seiner Außerdienststellung zum 7. Schnellbootgeschwader.
Auftrag und Bewaffnung
Die Schnellboote der Klasse 143 waren für schnelle und überraschende Angriffe auf gegnerische Überwasserstreitkräfte konzipiert.
Zu ihren Aufgaben gehörten:
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Bekämpfung gegnerischer Überwassereinheiten
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Sicherung eigener Seeverbindungen
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Schutz eigener Marineverbände
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maritime Aufklärung und Überwachung
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Präsenz- und Sicherungsaufgaben
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Unterstützung anderer Kräfte in küstennahen Seegebieten
Die Hauptbewaffnung von KORMORAN bestand aus:
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vier Seezielflugkörpern MM 38 EXOCET
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zwei vollautomatischen 76-mm-Geschützen OTO Melara
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zwei fest eingebauten Torpedorohren im Kaliber 533 Millimeter
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Maschinenwaffen zur Sicherung im Nahbereich
Die Torpedorohre waren nach achtern ausgerichtet. Die Torpedos wurden rückwärts ausgestoßen und liefen anschließend auf ihren vorgesehenen Kurs ein.
Vier leistungsstarke MTU-Dieselmotoren wirkten auf vier Wellen. Mit einer Gesamtleistung von etwa 18.000 PS erreichten die Boote der Klasse Geschwindigkeiten von mehr als 40 Knoten.
Führungs- und Waffeneinsatzsystem
Die Albatros-Klasse verfügte über ein für ihre Zeit fortschrittliches integriertes Führungs- und Waffeneinsatzsystem.
Radar, Lagebilddarstellung, Feuerleitung und Waffen waren miteinander verbunden. Dadurch konnten Ziele erfasst, ausgewertet und den verfügbaren Waffen schnell zugewiesen werden.
Über das taktische Datenübertragungssystem Link 11 konnten Lageinformationen mit anderen Schiffen, Booten und übergeordneten Führungsstellen ausgetauscht werden.
Zur elektronischen Ausstattung gehörten unter anderem:
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kombiniertes Such- und Feuerleitradar
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Navigationsradar
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automatisiertes Gefechts- und Informationssystem
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Link 11
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Anlagen zur elektronischen Aufklärung und Kampfführung
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Täuschkörperwurfanlagen
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später die elektronische Aufklärungsanlage OCTOPUS
OCTOPUS diente der Erfassung, Auswertung und Einordnung fremder Radarsignale und unterstützte damit die frühzeitige Erkennung möglicher Bedrohungen.
Dienst in Bundesmarine und Deutscher Marine
Während des Kalten Krieges lag der Schwerpunkt der Ausbildung von KORMORAN in Nord- und Ostsee.
Das Boot nahm regelmäßig an Geschwaderausbildungen, Artillerieschießen, taktischen Verbandsfahrten und multinationalen NATO-Manövern teil. Hinzu kamen Ausbildungsreisen und Hafenbesuche im Ausland.
Der Einsatz der Klasse beruhte auf hoher Geschwindigkeit, überraschendem Auftreten und dem koordinierten Vorgehen mehrerer Boote. Nach dem Flugkörpereinsatz sollten sich die Schnellboote möglichst rasch wieder aus dem Gefechtsraum lösen.
Nach der deutschen Wiedervereinigung veränderten sich die Aufgaben der Marine. Internationale Übungen, maritime Überwachung, Präsenzaufgaben und längere Ausbildungsreisen gewannen gegenüber dem ursprünglichen Einsatzprofil an Bedeutung.
Einzelne Einsätze oder Auslandsfahrten werden KORMORAN hier nur dann ausdrücklich zugeschrieben, wenn sie anhand belastbarer bootsbezogener Quellen eindeutig nachgewiesen sind.
Patenschaft mit Mülheim an der Ruhr
Patenstadt von S 70 KORMORAN war Mülheim an der Ruhr.
Die Patenschaft setzte die Verbindung der Stadt mit dem Vorgängerboot S 28 KORMORAN fort. Dieses Boot hatte von 1959 bis November 1976 im Dienst der Bundesmarine gestanden.
Mit der Indienststellung des neuen Flugkörperschnellbootes wurde die Patenschaft auf S 70 KORMORAN übertragen.
Über viele Jahre bestanden enge Kontakte zwischen Besatzung und Patenstadt. Gegenseitige Besuche, offizielle Veranstaltungen und persönliche Begegnungen hielten die Verbindung lebendig.
Mit der Außerdienststellung von S 70 KORMORAN im Dezember 2005 endete auch die langjährige Patenschaft der Stadt mit dem Schnellboot.
Außerdienststellung
S 70 KORMORAN gehörte gemeinsam mit S 69 HABICHT zu den letzten aktiven Booten der Albatros-Klasse.
Am 13. Dezember 2005 wurden beide Schnellboote in Warnemünde außer Dienst gestellt. Damit endete die fast drei Jahrzehnte währende Dienstzeit der Klasse 143 in der Deutschen Marine.
Für KORMORAN schloss sich eine mehr als 28-jährige Laufbahn, die durch zwei Geschwader, zwei Heimathäfen und die tiefgreifenden Veränderungen der deutschen Marine nach dem Ende des Kalten Krieges geprägt war.
Verbleib und Dienst in Tunesien
Nach der Außerdienststellung wurde das ehemalige S 70 KORMORAN an die tunesische Marine verkauft.
Dort erhielt das Boot den Namen GISCON und die Kennung 510.
Der Name erinnert an historische Persönlichkeiten des antiken Karthago. Unter tunesischer Flagge wurde das ehemalige deutsche Schnellboot für maritime Patrouillen-, Überwachungs- und Sicherungsaufgaben weiterverwendet.
Mit der Übernahme durch Tunesien begann für KORMORAN nach mehr als 28 Jahren deutscher Dienstzeit eine zweite militärische Laufbahn.
Die Weiterverwendung zeigte, dass die robuste Konstruktion der Klasse 143 auch nach jahrzehntelangem Einsatz noch für küstennahe Überwachungs- und Sicherungsaufgaben genutzt werden konnte.
Technische Daten der Klasse 143
Bootstyp: Flugkörperschnellboot
Klasse: 143 – Albatros-Klasse
Bauwerft: Lürssen-Werft, Bremen-Vegesack
Länge: etwa 57,6 Meter
Breite: etwa 7,6 Meter
Tiefgang: etwa 2,6 Meter
Verdrängung: etwa 400 Tonnen
Antrieb: vier MTU-Dieselmotoren auf vier Wellen
Gesamtleistung: etwa 18.000 PS
Höchstgeschwindigkeit: mehr als 40 Knoten
Besatzung: etwa 40 bis 43 Soldaten
Bewaffnung während der deutschen Dienstzeit:
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vier Seezielflugkörper MM 38 EXOCET
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zwei 76-mm-Geschütze OTO Melara
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zwei Torpedorohre im Kaliber 533 Millimeter
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Maschinenwaffen zur Nahbereichssicherung
Elektronische Ausstattung:
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kombiniertes Such- und Feuerleitradar
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Navigationsradar
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automatisiertes Gefechts- und Informationssystem
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Link 11
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elektronische Aufklärungsanlage OCTOPUS
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Anlagen zur elektronischen Kampfführung
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Täuschkörperwurfanlagen
Dienstzeit im Überblick
Name: KORMORAN
Deutsche Bezeichnung: S 70
NATO-Kennung: P 6120
Klasse: 143 – Albatros-Klasse
Bauwerft: Lürssen-Werft, Bremen-Vegesack
Taufe: 14. April 1976
Indienststellung: 29. Juli 1977
Außerdienststellung: 13. Dezember 2005
Rufzeichen: DSDT, später DRCD
Geschwader bis 30. September 1999: 2. Schnellbootgeschwader
Geschwader ab 1. Oktober 1999: 7. Schnellbootgeschwader
Erster Heimathafen: Olpenitz
Späterer Heimathafen: Warnemünde/Hohe Düne
Patenstadt: Mülheim an der Ruhr
Späterer Name: GISCON
Spätere Kennung: 510
Spätere Marine: Tunesien
Von Kameraden für Kameraden
S 70 KORMORAN stand mehr als 28 Jahre im Dienst der Bundesmarine und der Deutschen Marine. Das Boot gehörte zur letzten Generation klassischer deutscher Flugkörperschnellboote mit zwei 76-mm-Geschützen und Torpedobewaffnung.
Seine Laufbahn führte von Olpenitz nach Warnemünde und vom 2. zum 7. Schnellbootgeschwader. Mit dem Geschwaderwechsel änderte sich die organisatorische Zugehörigkeit, nicht aber der Heimathafen oder die grundlegende Gemeinschaft der Schnellbootfahrer.
Der Dienst auf einem Schnellboot verlangte von jedem Besatzungsmitglied Fachkenntnis, Aufmerksamkeit und Verlässlichkeit. Bei hoher Geschwindigkeit, schwerer See und langen Wachen mussten Brücke, Operationszentrale, Maschinenraum, Waffenbereich und Decksdienst eng zusammenarbeiten.
Auf dem begrenzten Raum an Bord waren die Kameraden unmittelbar aufeinander angewiesen. Jeder kannte die Aufgaben und Eigenheiten des anderen. Diese Nähe schuf eine besondere Form der Kameradschaft, die oft weit über die gemeinsame Fahrenszeit hinaus erhalten blieb.
Für die ehemaligen Besatzungen steht der Name KORMORAN deshalb nicht allein für ein Flugkörperschnellboot oder die Kennung P 6120. Er steht für gemeinsam gefahrene Seemeilen, fordernde Übungen, lange Wachen und persönliche Erinnerungen an eine besondere Zeit auf See.
Mit der Übernahme als GISCON begann für das Boot eine zweite Dienstphase unter tunesischer Flagge. Seine deutsche Geschichte bleibt jedoch dauerhaft mit Olpenitz, Warnemünde, dem 2. und dem 7. Schnellbootgeschwader, der Patenstadt Mülheim an der Ruhr und den Kameraden verbunden, die auf S 70 KORMORAN ihren Dienst versahen.